
Die meisten von uns denken kaum über den eigenen Geruch nach – höchstens nach einer morgendlichen Dusche oder einem Spritzer Parfum. Doch unser Körper verströmt ständig eine komplexe Mischung chemischer Düfte über Haut, Atem und Schweiß. Viele dieser Gerüche sind schwach oder für die menschliche Nase nicht wahrnehmbar, doch Forscher entdecken zunehmend, dass subtile Veränderungen im Körpergeruch frühe Warnsignale für Krankheiten sein können – manchmal lange bevor sichtbare Symptome auftreten.
Wenn Intuition auf Wissenschaft trifft
Die Geschichte beginnt mit einer überraschenden Behauptung. Perdita Barran, eine angesehene analytische Chemikerin, hörte erstmals durch einen Kollegen von Joy Milne. Joy, eine pensionierte Krankenschwester, war überzeugt, dass sie Parkinson riechen könne. Sie bemerkte einen moschusartigen, ungewohnten Geruch bei ihrem Ehemann Jahre vor seiner offiziellen Diagnose – einen Geruch, den sie später auch bei anderen Parkinson-Patienten wiedererkannte. Natürlich waren die Wissenschaftler skeptisch. Schließlich: Kann man eine Krankheit wirklich „riechen“?
Um dies zu prüfen, lud Barran Milne und ihr Team ein, eine Reihe von T-Shirts zu erschnüffeln, die zuvor von Personen mit und ohne Parkinson getragen worden waren. Erstaunlicherweise identifizierte Joy korrekt alle Hemden von Erkrankten – und markierte sogar eines, bei dem die Diagnose noch ausstand. Später wurde bestätigt, dass diese Person tatsächlich Parkinson hatte. Dieses bemerkenswerte Ergebnis weckte ernsthaftes wissenschaftliches Interesse an der Verbindung zwischen Geruch und Krankheit.
Die unsichtbaren Signale unseres Körpers
Es erscheint mittlerweile plausibel, dass Krankheiten unseren natürlichen Geruch verändern können. Diese Veränderungen hängen mit Verschiebungen im Stoffwechsel zusammen, den chemischen Prozessen, die uns am Leben erhalten. Wenn Krankheiten den Stoffwechsel stören, verändert sich die Produktion flüchtiger organischer Verbindungen (VOCs) – winziger Chemikalien, die leicht verdampfen und durch den Geruchssinn wahrgenommen werden können.
Viele dieser VOCs werden über Haut, Atem oder Körperflüssigkeiten ausgeschieden. Unterschiedliche Krankheiten können dabei charakteristische Gerüche erzeugen. So kann unkontrollierter Diabetes zu einer Ketoazidose führen, die dem Atem einen fruchtigen oder „fauligen Apfel“-Geruch verleiht. Lebererkrankungen können einen modrigen oder schwefelartigen Geruch hervorrufen, während Nierenprobleme einen Ammoniak- oder fischähnlichen Geruch verursachen. Dies sind nicht nur Volksweisheiten oder Anekdoten – moderne chemische Analysen bestätigen sie zunehmend.
Von Hunden zu Geräten: Werkzeuge der Erkennung
Seit Jahren werden Hunde darauf trainiert, Krankheiten zu erkennen oder sogar Anfälle vorherzusagen. Ihre Nasen sind tausendfach empfindlicher als unsere und ermöglichen es ihnen, chemische Signale zu identifizieren, die Menschen völlig entgehen. Doch obwohl Hunde in kontrollierten Umgebungen wertvoll sind, sind sie kein praktisches Diagnosetool für die breite Öffentlichkeit.
Darum arbeiten Wissenschaftler wie Barran daran, Technologien zu entwickeln, die die olfaktorische Kraft des Hundes nachahmen. Ihr Team nutzt hochentwickelte Werkzeuge wie die Gaschromatografie-Massenspektrometrie, um spezifische chemische Muster im Talg – der öligen Substanz, die unsere Haut produziert – zu identifizieren. Bei Parkinson-Patienten fanden sie etwa 30 Verbindungen, die konsistent verändert waren. Ihr Ziel ist es, einen einfachen, nicht-invasiven Hautabstrichtest zu entwickeln, der diese Verbindungen erkennt – und so eine deutlich frühere Diagnose ermöglicht, als derzeit möglich ist.
Wie Krankheit unseren Geruch verändert
Die wissenschaftliche Erklärung liegt tief in unseren Zellen. Mitochondrien, die winzigen Kraftwerke der Zellen, sind dafür verantwortlich, Nährstoffe in Energie umzuwandeln. Bei Krankheiten kann dieser Prozess aus dem Gleichgewicht geraten, sodass sich bestimmte Nebenprodukte anreichern – einige davon sind flüchtig und werden über Haut oder Atem abgegeben. Dies erklärt, warum Stoffwechselveränderungen zu wahrnehmbaren und sogar diagnostisch relevanten Veränderungen des Körpergeruchs führen können.
Forschungen zeigen zunehmend, dass dieser ans Geruch gekoppelte Ansatz für eine Vielzahl von Erkrankungen gilt. Bei Virusinfektionen, Krebs oder sogar Gehirnverletzungen treten charakteristische chemische Marker in den Körperausscheidungen auf. Mit den richtigen Werkzeugen könnten diese Veränderungen erfasst und für medizinische Erkenntnisse genutzt werden.
Blick in die Zukunft: Geruch als medizinisches Werkzeug
Das Potenzial geruchsbasierter Diagnostik ist enorm. Forscher untersuchen bereits Tests für Krankheiten von Prostatakrebs bis Malaria. Einige Wissenschaftler trainieren Mäuse, um bestimmte Krankheiten zu erkennen, während andere synthetische „Nasen“ entwickeln – Geräte, die mit menschlichen Geruchsrezeptoren ausgestattet und von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Diese Technologien sollen einzigartige chemische Signaturen in Echtzeit, im großen Maßstab und mit hoher Genauigkeit identifizieren.
Solche Werkzeuge könnten besonders in ressourcenarmen Regionen nützlich sein, wo traditionelle Labortests teuer oder nicht verfügbar sind. Ein tragbarer Sensor, der Krankheiten über Atem oder Haut erkennt, könnte die Früherkennung revolutionieren – und damit Zeit, Geld und Leben retten.
Von der Nase einer Frau zum globalen Durchbruch
Obwohl Joy Milne heute nicht mehr regelmäßig in der Geruchserkennung tätig ist – der Prozess ist anstrengend und emotional belastend – hat ihr Beitrag bereits nachhaltige Wirkung gezeigt. Ihre intuitive Beobachtung öffnete die Tür zu einem neuen Forschungsfeld. Sie erinnert uns daran, dass Wissenschaft oft mit einer einfachen menschlichen Einsicht beginnt – und dass solche Einsichten, wenn sie streng überprüft werden, zu Entdeckungen führen können, die die Welt verändern.
In Zukunft könnten Ärzte routinemäßig mit geruchsbasierten Werkzeugen Krankheiten in ihren frühesten Stadien erkennen. Was einst eine ungewöhnliche Behauptung war – dass Krankheit riechbar ist – wird nun zur wissenschaftlichen Realität. Und alles begann mit einer Frau, einer Nase und einer tiefen Liebe zu ihrem Ehemann.